und in Afrika hungern die Kinder!
22. November 2009, 11:51
[Disclaimer: Dies ist das Produkt meiner polemischen zehn Minuten. In Wirklichkeit mag ich die UNO.]
Kürzlich stellte ich überrascht fest, dass es Menschen auf der Welt gibt (und Politikstudenten noch dazu!), die mit dem Begriff “Millenium Development Goals” (MDGs) nichts oder nur sehr verschwommen etwas anfangen können.
Insofern, zum Verständnis: In grauer Vorzeit, quasi anno dazumal (= im Jahr 2000) trafen sich die Staaten, die der UNO angehören, zum Milleniumsgipfel. Da stellte man überrascht fest, dass die letzten 50 Jahre Entwicklungshilfe* so gut wie nichts gebracht haben…** daraufhin wurde eine Kommission gegründet (was Gipfel, Konferenzen und sonstige UN-Events halt so machen, wenn ihnen langweilig ist die Zukunft der Menschheit auf dem Spiel steht. Diese Kommission zerbrach sich eine Weile die Köpfe, um dann zu dem Schluss zu kommen, dass es an der Zeit ist, der extremen Armut (alle Armut ins Visier zu nehmen, schien selbst der UNO zu größenwahnsinnig) den Garaus zu machen. Man erfand also acht hehre Ziele, die man bis 2015 erreichen wollte. Nun, man soll es ja nicht glauben, aber es gab da tatsächlich einige Fortschritte… nur eben nicht genug. Denn während die Chinesen emsig dabei waren, den vielen hungrigen kleinen Chinesen ihre Reisschüssel zu füllen, machte sich am anderen Ende der Welt ein Diktator mit Hitlerbärtchen daran, unzähligen Menschen eine anständige Ernährung zu verweigern. Überhaupt waren die Asiaten – wie bei eigentlich allem, beängstigenderweise – top of the class, während in Afrika eher Rückschritte denn Fortschritte zu verzeichnen waren. Eigentlich schon seit 2007 zeichnet sich jedenfalls sehr deutlich ab, dass viele der MDGs nicht erreicht werden können, zumal nicht in der Entwicklungshelfer-Lieblingsregion, Afrika südlich der Sahara.
Nun hat die UNO – und sämtliche Geberländer – unglücklicherweise allerdings verkündet, sie wolle sich am Erreichen dieser Ziele und dieser Zahlen messen lassen… ein bisschen so, wie Gerhard Schröder damals erklärte, er wolle sich an den Arbeitslosenzahlen messen lassen und seine Wiederwahl davon abhängig machen. Ungefähr ähnlich klug.
Die UNO wählt natürlich niemand, da sind die Jungs in New York wenigstens auf der sicheren Seite… und trotzdem, es ist ja schon ein bisschen doof. So image-mäßig. (Die tatsächlich sterbenden Menschen lassen wir jetzt bitte mal außen vor.)
Und ich kann mir nicht helfen, aber ich habe das Gefühl, während ich gerade diverse Follow-Up-Reports der UNO zu den MDGs lese (Prüfungsvorbereitung, die endlich mal Spaß macht!), dass da irgendwer*** nicht ganz böse ist, dass die Weltwirtschaftskrise gerade jetzt zuschlägt. Der Satz “Wir hätten ja ganz bestimmt alle MDGs erreicht, wenn nur die Finanzkrise nicht dazwischen gekommen wäre!” in verschiedenen Variationen kommt mir ein bisschen zu oft in den Berichten vor… so eine globale Rezession hat ja auch ihr Gutes. Natürlich findet das niemand wirklich gut, aber wenn sie schon mal da ist, kann man sie ja auch nutzen, oder nicht? So image-mäßig, meine ich jetzt.
Wär ja auch zu schön gewesen – Ende der Armut. Sonst hätte man sich drüben am Hudson River tatsächlich noch das Dings mit dem Weltfrieden überlegen müssen. Und außerdem: Wer sollte denn bitte schön all die Entwicklungsexperten beschäftigen, wenn nicht die UNO? Seien wir doch mal ehrlich – wollen wir wirklich ein paar zehntausend Ökonomen, die plötzlich ganz furchtbar viel Freizeit haben??
*Obwohl es politisch korrekter ist, “Entwicklungszusammenarbeit” zu sagen, bleibe ich bei “Entwicklungshilfe”, wenn ich mit normalen Menschen (= Menschen, die kein myOECD-Profil haben, um auch ja keine Ausgabe des OECD-Development-Newsletter zu verpassen****) spreche. Zwei Günde: erstens ist Entwicklungszusammenarbeit ein ewig langes Wort, und die Abkürzung EZ kennt nicht jeder, und zweitens ist das Wort Aid in englischsprachigen Kreisen nach wie vor verbreitet.
**Einige der Staatschefs hatten anscheinend keine Oma, die sie mit dem Satz “Und in Afrika hungern die Kinder!” zum Leeressen des Tellers zwang. Sonst hätten sie das nämlich gewusst.
***Eigentlich schade, dass man da niemanden drauf festnageln kann. Aber so ist das: Große Organisation, viele Menschen, keine individuelle Verantwortung.
****Ich erreichte kürzlich ein neues Level in Sachen EZler-Geekness, als ich gedankenverlorend vor mich hinkichernd mit dem Mp3-Player in den Ohren in der Bahn saß und auf Rückfrage eines Mitmenschen zu erklären versuchte, dass ich über eine subtile Anspielung auf Bill Easterly’s Argumentationsweise im wichtigsten Entwicklungshilfe-Podcast lachte. Ähm. Ja. Freak, anyone?
22. November 2009 um 13:13
Bei diesem Thema fällt mir immer wieder ein Zitat eines Journalisten aus Tansania ein, dessen Name mir schon vor Jahren entfallen ist:
“Entwicklungshilfe heißt, das Geld der Armen aus den reichen Ländern, den Reichen in den armen Ländern zu geben.”
22. November 2009 um 20:02
So. Also. Beine rasieren: Zwanzig Kommentare. Hunger auf der Welt? Einer. Und ein Meta halt.
Kein Wunder, daß das nicht voran geht.
Obwohl. Bei den stundenlangen Sitzungen der UNO mangelt es bestimmt nicht an Kommentaren.
22. November 2009 um 20:26
Für diesen Kommentar möchte ich Sie formidabelst knutschen, Herr doppelfish!