Ich mag Menschen. Außer samstags.

19. September 2009, 19:47

Ehrlich, ich arbeite an meiner Misanthropie. Mein Psychiater sagt, ich darf bald ohne Beißschutz nach draußen.
Nur samstags hab ich noch gewaltige Schwierigkeiten. Eigentlich besteht der ganze Samstag aus ausreichend Gründen, sich einen atomaren Terroranschlag, einen Meteoriteneinschlag und einen zürnenden alttestamentarischen Gott gleichzeitig zu wünschen.

Es fängt morgens beim Wochenendeinkauf an – wann genau sind Supermärkte eigentlich zum Lieblingsausflugsziel für Großfamilien geworden? Also meine Eltern sind mit mir in den Zoo oder ins Schwimmbad gefahren, aber so ein Aldi ist ja auch was schönes für die lieben Kleinen.
Wenn ich also die plärrenden Kleinkinder, die sich zwischen Nudelregal und Zucchini vor meinen Einkaufswagen geworfen haben, dort wieder hervorgezerrt habe; wenn ich mich tapfer gegen krückstockschwingende Rentner an der zweiten Kasse* verteidigt habe; und wenn ich ohne größere Personenschäden den Einkaufswagen wieder zurückgebracht habe, ist mein Maß an menschlicher Interaktion eigentlich erfüllt. Gnade demjenigen, der auf dem Rückweg zwischen Aldi und meiner Wohnung vor mir fährt.

Normalerweise plane ich auch dann für den Rest des Samstags nur noch Tätigkeiten ein, bei denen ich den Kontakt mit Menschen auf ein Minimum reduziere. Aber meine Umwelt ist da leider nicht so hilfreich. Unglücklicherweise bestehen nämlich meine Nachbarn darauf, samstags sämtliche Tätigkeiten nur laut kreischend und quiekend zu erledigen. (Gut, kann sein, dass es eigentlich nur die Bewohner einer einzigen Wohnung sind, die machen aber genug Lärm für mindestens zehn weitere Mietparteien.) Unvergessen dabei übrigens die drei Schweizerinnen, die kürzlich Samstagnacht zwischen zwei und halb vier kreischend durchs Treppenhaus jagten. Dass ich dank lautstark auf dem Balkon geführter Telefonate inzwischen mehr über die Leben meiner Nachbarn als über mein eigenes weiß, fällt da eigentlich auch nicht mehr ins Gewicht.

Und wenn dann die Nachbarn endlich einer Aktivität ohne Stimmbandbenutzung nachgehen, ist es Zeit für sämtliche Großeltern mit Enkeln, den Spielplatz aufzusuchen, der vor meinem Haus gebaut wurde. Deren Gekreisch wird eigentlich nur unterbrochen von irgendjemandem, der mit einem Schlagbohrer in Stahlbetonwände bohrt.
Verwirrt und verstört von all dem Lärm habe ich dann nur noch die Wahl zwischen Luftgewehr und Flucht – im Allgemeinen wähle ich Flucht. Da das meistens ohnehin mit der Erkenntnis zusammenfällt, dass ich noch wahnsinnig dringend irgendwas aus der Stadt brauche, begehe ich den nächsten großen Fehler (nach “in menschlich besiedelten Gegenden leben”). Ich fahre in die Innenstadt. Dort begegnet mir – wir erinnern uns – mein größter anzunehmender Samstagsfeind: der gemeine Fußballfan. Und wenn grad keine Bundesliga ist, sind mit Sicherheit Busladungen voller Rentner, italienische Klassenausflügler und der Verein “Muttis von Schreikindern e.V.” unterwegs. An besonders beschissenen Samstagen läuft mir auch noch mein Stalker über den Weg.

Wenn ich all das durch misanthropische Blogeinträge dann verarbeitet habe und wieder bereit bin, mich auf die Menschheit einzulassen (bevorzugt untermalt durch dröhnende Bässe und flackernde, bunte Lichteffekte), kommen Tübinger Burschenschaftler mit Mittelscheitel und übergroßem Ego, betrunkene Schmierfinken mit beunruhigend paarungswilligen Dance Moves**, flunkernde Finanzbeamte oder eine von elf Personen in Freiburg, die ich nie wieder sehen wollte, und ruinieren jeden Hauch von Menschenfreundlichkeit, der in mir keimte.***

Beinahe Glück, dass ich trotz all meiner gegenteiligen Bemühungen klein und putzig aussehe, selbst wenn ich wütend bin****, sonst wäre ich sicher schon in jede Menge Schlägereien verwickelt worden.

*In Deutschland gibt es genau eine Form der Anarchie – wenn im Supermarkt die zweite Kasse öffnet.
**Ein für allemal: Keine Frau findet es gut, wenn sie beim Tanzen ohne Vorwarnung die primären Geschlechtsteile eines Mannes an den Hintern gerieben bekommt.
***Und bevor ich übrigens das nächste Mal schon wieder ungeküsst nach Hause gehe, werde ich einfach den nächstbesten, wildfremden Mann bitten, mich zu küssen. Was bei meinem Glück dazu führt, dass mich dessen Freundin vermöbelt, die als Schwergewichtsringerin der ukrainischen Nationalmannschaft angehört. Oder ich bekomme Pfeiffersches Drüsenfieber. Ähem.
****Für den Experten erkennbar daran, dass ich die Stirn runzle und meine Zwergenfäuste balle.

10 Kommentare zu “Ich mag Menschen. Außer samstags.”

  1. Björn sagt:

    Mein Beileid! Morgen ist Sonntag – da hast du hoffentlich Ruhe!

  2. Hank Rearden sagt:

    Schauble an LKA suedwest: entwarnung fuer freiburg. s i e ist wieder in ihre unterkunft zurueckgekehrt. STOPP. tarnung als fussballfans beim naechsten mal nicht wiederholen. STOPP. zweite kasse bitte g l e i c h oeffnen, nicht erst wenn s i e aus dem haus geht. STOPP alle schlagbohrer im landkreis einziehen. ENDE.

  3. doppelfish sagt:

    Hank: *pruuuust* – köstlich!

  4. Sven sagt:

    Hach,

    deine Symphatiewerte steigen und steigen ;-) Ich habe zwar keine Ahnung vom Tanzen, aber wenn mir jemand zu nah kommen würde, würde ich wohl abhauen, ich brauche meinen Freiraum.

    Lieben Gruß
    Sven

  5. miezes welt sagt:

    [...] September 20, 2009 um 9:29 · Gespeichert unter Uncategorized Ein sehr empfehlenswerter Artikel zu Samstags-Misanthropie. Zu lesen: hier. [...]

  6. de scay sagt:

    irgendwie überwiegt bei mir aber der Eindruck <>

  7. ElMagnifico sagt:

    ach du verstahsch dämfall schwiizertütsch? ;-)

    für nen entspannenden samstag würd ich dann noch nen besuch bei ikea empfehlen ;D

  8. Finja sagt:

    @Björn: Dachte ich auch – und dann bin ich unvorsichtigerweise im Park gewesen, wo ein Kinderfest stattfand. Ich glaube, ich brauche nicht mehr sagen.

    @Hank & doppelfish: Jaja, lacht ihr nur! Bis ihr mir eines Tages samstags begegnet!

    @Sven: Und die gucken dann auch noch immer so irritiert, wenn man sich angewidert umdreht…

    @de scay: …mir erschließt sich die Aussage von <> nicht ganz… sorry.

    @ElMagnifico: Was bleibt mir anderes übrig, meine Schwester mutiert ja inzwischen zu einer Schweizerin.
    Und Ikea ist auch an jedem anderen Tag die Hölle. Aber eine Hölle mit netter Einrichtung!

  9. uschi sagt:

    Wegen des Putzig-Aussehens empfehle ich folgendes T-Shirt:

    http://www.cultstyles.de/images/5014%5B1%5D-1.jpg

    damit wirst Du bestimmt ernster genommen :-)

  10. Mockingbird » Archiv » Real Life Politik sagt:

    [...] Mitgliedschaft ist? Nicht mein analytischer Verstand, meine Redegewandtheit, meine unglaublichen people skills für den Wahlkampf oder die Möglichkeit, über meinen Blog die wirklich wichtigen Wählerschichten [...]

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